Bunte Bilder und Klamauk in sozialen Medien

Ein kurzer Blick in soziale Medien kurz vor den Europawahlen zeigt Erstaunliches. Von Zweidrittel der deutschen Bevölkerung unbemerkt blinkt, rotiert und linkt es auf Instagram. Mit innovativen Tricks versuchen einige Politiker vor allem an Technikbegeisterte und an junge Zielgruppen zu kommen.

Länglich kommentiert werden hier ausdrücklich nicht die jüngsten Eskapaden eines Bloggers. Die FAZ meint richtig hierzu  „Mit „Diskurs“ hat das alles nichts zu tun. Es geht ums Niedermachen, um Nachtreten und – um Zerstörung. Argumente gegen das Video helfen da nicht weiter – sie werden niedergebrüllt.“ Nun denn, der  „Influencer“ hat seine Reichweiten erhöht und sein vielleicht lahmendes Klickgeschäft für später gesteigert.  Werbung  während oder vor seinem Beitrag mit der Kritik an der Politik der CDU, die ihm unmittelbaren Umsatz eingebracht hätte, hatte er aber immerhin gemäß eines “Ehrenkodex“ ausgeschaltet. Ärger mit  der zuständigen Landesmedienanstalt in Düsseldorf wäre ihm sicher gewesen. Woher einige Kommentatoren seines politischen Beitrages kommen, ist schleierhaft.

Zurück zu den Bildern: Die technische Entwicklung der Design-Tools überholt die Geschwindigkeit deren Einsatzes. Neue Instrumente bieten hohe Interaktivität, fordern Teilnahme und Interaktion  heraus, ermöglichen Echtzeitzusammenarbeit und …. machen vieles ‚ganz allein‘. Es entstehen neue Bildlichkeiten.  Künstliche Intelligenz wirkt hier mit. Die Designer und Kommunikationsspezialisten kommen kaum nach.

Deshalb einmal ein Blick auf die Entwicklung in einen Kanal von Social Media, nämlich auf den Stand des Einsatzes von neuen Kommunikationsmitteln in Instagram. Ein weiterer Blick auf VR-Einsatz mit Hologrammen. Reine Spielerei, Tand und vanity? Oder doch ein (wirtschaftliches) Instrument zur Darstellung politischer Botschaften?

Ein bekannter deutscher Kaffeeanbieter fordert zum Beispiel auf Instagram zu politischen Diskussionen auf, ein französischer Politiker („Die Republik bin ich!“, aha) lässt ich nicht nur auf Wahlkampfbühnen durch sein Hologram-Avatar vertreten, er nutzt auch Augmented Reality mit Handys und Plakaten. Durch Scannen von Kampagnenpostern mit dem Handy können Informationen über Kandidaten abgerufen werden.

Vermittelten bisher Webseiten mit viel Text, eingebetteten Bildern Videos und Links Botschaften der politischen Parteien und gehört es zu derem medialen Repertoire Plakate aufzustellen, Flyer zu verteilen, als ‚teuer‘ empfundene Printanzeigen zu nutzen, Kinospots zu schalten und ab und an auf Schaltungen (zum ‚Selbstkostenpres‘) im Fernsehen und in Funk zu hoffen. Dazu setzen Parteien natürlich auch auf Social Media. Hinlänglich in der Diskussion sind diese wegen Bots und ‚fremdgesteuerten‘ Meinungsstreuern wie eingangs vermerkt.

Wenn Social Media-Darstellungen und auch Plakatdarstellungen der einzelnen Parteien ziemlich austauschfähig aussehen, liegt dies daran, dass sie Online-Konfigurationsvorlagen nutzen, die mit Template-Systemen arbeiten. Diese Konfigurationssysteme erstellen automatisch Kacheln für Online-Parteienwerbung, für Plakate und Druckerzeugnisse und bieten die gleiche Systematik mit vorgegebenen Zeilengrößen und eine Einschränkung bei der Menge der zugelassenen Wörter, Zeilen und Bilder. Kann noch ein Markenkern einer politischen Partei singulär dargestellt werden wenn durchgängig mit solchen Instrumenten nur Raum für maximal sieben Wörter pro Zeile besteht??

Schaut  man einmal hinein in die Instagram-Bilderwelt, entdeckt man Spannendes: mit sogenannten Stickers versehene Bilder politischer Akteure laden ein zu gefällig, albern-lustig und kurzweilig gemachten Meinungs- und Abstimmungsumfragen. Kurze Links in eher heiterem Umfeld verleiten zu weiterem Nachlesen auf den Homepages der Parteien. Videos eingebaut  in werblichen Bildern sozusagen als Bild in Bild-Darstellung wie in nachfolgendem Beispiel gezeigt, sorgen für lustige Momente oder für Nachdenken.

Mitte letzten Jahres waren laut Instagram 15 Millionen Menschen in Deutschland jeden Monat auf der Bilder-Plattform aktiv, davon 7,4 Millionen bei den 20 bis 29Jährigen. Damit diese Nutzer auch Unternehmen – oder Parteienwerbung sehen, kann man natürlich Medialeistung in diesem Kanal einkaufen. Die erworbene Mediaware stellt sich dann dar unter anderem in attraktiv gemachten „Karussel“-Darstellungen in denen locker verstreut Werbung eingeschaltet ist. Der Autor dieser Zeilen selbst war einer der ersten Vermittler solcher ‚Interstitials‘, die seinerzeit ziemlich verpönt waren, von großen Marken und einem deutschen Einhorn aber eifrig eingekauft wurden. Eine vergleichende Mediaanalyse ist tricky, zumal wenn sie intermedial erfolgen soll. Frei nach dem Apfel- und Birnenvergleich ist eine Gegenüberstellung klassischer Leistungskriterien wie Nettoreichweite, Seh- und Verweildauer zwischen traditionellen und Online- Medien kaum möglich. Zudem muss man den Auswertungen der Social Media-Anbieter Glauben schenken. Auf der anderen Seite spricht das Argument der Erreichbarkeit vor allem junger und  weiblicher Zielgruppen für den Kanal Instagram.

Die bildlichen und spielerischen Umsetzungsformen in dieser zum Facebook-Konzern gehörenden Plattform sind zukunftsweisend und gehen im Vergleich mit anderen medialen Darstellungen einen Schritt voraus. Irgendwie werden diese Formen des Designs und in absehbarer Zeit auch auf anderen Kanälen in welcher Form auch immer zu sehen sein. Was geschieht, wenn – ein weiter Blick in die Zukunft? – Tastaturen durch Gehirnwellensteuerung ersetzt werden? Was bedeutet das für die Meinungsäußerung?

Hier ein Video Capture ausgehend von der Story eines politischen Akteurs. Zufällig ausgewählt und wiedergebend was einem Besucher an Eindrücken entgegenfällt. Die Verweildauer bei solchen Bewegtbildchen dürfte durchschnittlich  pro Besuchervorgang bei einigen Sekunden liegen und die Durchklickraten deutlich höher sein als bei üblicher Onlinewerbung – oder Kommunikation. Ganz entscheidend sind die Produktionskosten, sie liegen, da die Software kostenlos ist, und Jedermann/frau Bilder und Fotos von seinem Handy erstellen kann bei Null.

„There’s non time to lose!“ Europawahl und anderes:

 

Auf Bild klicken, Videos starten.

Kommentare zu anderen kurzen Videos:
Tchibo: die Handelskette zeigt, wie sie junge Frauen anspricht in Social Media, social reponsibility und Bürgerdialog miteinander verbindet und dann noch hippe hauseigene Brews ins Spiel bringt. , 17 Sek.

„Tchibo im Dialog“

 

Nigel Farage: wirbt für sich und andere, mediale Gestaltung naja, grob- und großformatig, 6 Sek.

Echte Mamas zeigen authentisch, wie sie ihr Leben mit Kindern bestreiten
https://youtu.be/VR6WawooJq0

Douglas biete wie auch die anderen Frauen-instagram-Auftritte ein Umfeld das für eine Platzierung von Botschaften im Umfeld dieser Zielgruppe mit ihren Unterzielgruppen überlegenswert macht. Hier werden mit Textnachrichten im Bild – eine spezielle Funktion für Instagram, das eigentlich nur mit Bildern und Bewegtbild arbeitet – Jobs ausgeschrieben.
https://youtu.be/GVU39DWDqSw

Digital Kindergarten zeigt, wie man Instagram gekonnt einsetzt, Links, Bilder, Verknüpfungen, Darstellungen. Der Liebling unter den hier vorgestellten Beispielen.

 

Un hier das interaktive Plakat

Screenshot Libération, Video startet bei Klick.

 

Ex-RTL-Chef Helmut Thoma sieht Scheitern von Netflix voraus

Mit seinem Gespür für Medien und mutigen Programmentscheidungen bei RTLplus, so nannte sich der Privatsender zu Beginn, machte Helmut Thoma aus RTL den erfolgreichsten und profitabelsten TV-Anbieter Europas. Noch immer ist er in der Medienbranche unterwegs und sorgte kurz vor seinem Achtzigsten für Aufmerksamkeit mit dem Urteil, dass Netflix scheitern wird. „Am Ende sind diese ganzen Serien doch immer wieder das Gleiche, das langweilt die Zuschauer irgendwann“, so sein Urteil. Er sieht für das klassische Fernsehen weiterhin eine Zukunft, wenn die Sender-Verantwortlichen Potentiale aus Virtual Reality einsetzen. Skeptisch ist er allerdings, ob dies in Europa geschieht, denn er fragt sich, woher Innovationen kommen sollen. Mit den Öffentlich-Rechtlichen (ARD und ZDF), Pro Sieben Sat 1 und RTL gebe es nur drei Marktteilnehmer, die sich gegenseitig kaum Konkurrenz machten.

Helmut Thoma (Wien 2009)

Nun denn, ob er da richtig liegt? Nachrichten und sogar KI-gesteuerte Echtzeit-Redaktion könnten die Streamer auch. Sie wären sogar dafür prädestiniert. Für mit VR/AR verstärkte TV-Seherlebnisse erst recht. Es stellt sich eher die Frage, wie lange es dauert, bis der große Block aus klassischer TV-Zeitnutzung von den nachwachsenden ,neuen‘ Medienkonsumenten abgenagt ist. Demografisch und von den Nutzungsgewohnheiten her dauert das noch gut und gerne ein paar Jahrzehnte. Bemerkenswert ist, um mehr Licht in das Dunkel der Medienanalyse zu bringen, wie unwillig  Amazon, Netflix und andere Plattformen  Nutzungszahlen herausrücken mit der Begründung, dass der  Kunden- und Datenschutz zu wahren sei. Wie viele Nutzer haben sie denn, wie viel Zeit verbringen deutsche Haushalte mit Bewegtbild-streaming? Da kommt man doch ins Schmunzeln ober der Zurückhaltung der großen Konzerne und …. ins Grübeln. „Was willst du heute sehen, Familienmitglied 1, 2, 3…, oder möchtest du etwas aus Deinen Profilvorlieben?“ so lautet doch eine Frage beim Einschalten eines Streamingangebotes. Bestimmt auch gerne irgendwann mit Alexa freundlich insistierend nachgefragt.
Dieser Artikel stammt von Helmut Poppe, ex-IPA/RTL-Verkaufsdirektor (non-TV, 🙂 )

 

Digital Business – Europe’s role

Even French author Michel Houellebecq spoke of platforms in 2001. He once again has an astonishing farsightedness in social developments, keyword „Gilets jaunes“ in his last book. His title „Plateforme“ though did not mean the big Internet providers, but rather a tourist form of organization (or his flat writing style, haha). If, like Nick Srnicek, one wants to categorize the digital economy, it can be divided into 5 platforms. And here IoT makes up an important part, but only one. Germany seems to be quite successful here.

These 5 platforms (advertising, cloud, IoT, industrial mixed form with data tangling, sharing) could be ranked according to turnover, benefits and time spent by people. I think the influence on beliefs, attitude, time and people is the most important at the moment.

GAFAs are at the top of the list, and it doesn’t look like much will change in the next few years. Maybe the competition will undergo a similar development in the next decades as it did in the 50s and 60s with the dominance of  US brands in European food retailing. They were very successful with their products and distribution strategies. Only thirty or forty years later did European supplier and distributors find an answer.

How long does it take for „ALDI EUROPE“ or another European company to be successful digitally and worldwide? One way of ensuring fair conditions for local companies would be to regulate them within the framework of a European industrial policy which would take care of data sovereignty. As we all know, these are the ones that make up the actual and most attractive product. They are the ones who make the wheel turn.

Listen to  podcast „What kind of future do we want to create and why? Among others with Nick Srnicek author of „Platform Capitalism and Inventing the Future“.

Picture: Syd Wachs

 

 

Digitale Plattformen – sie beeinflussen unser Leben. Was macht EUROPA?

Selbst der französische Autor Michel Houellebecq sprach 2001 schon von Plattformen. Auch wenn er wieder einmal einen erstaunlichen Weitblick in gesellschaftliche Entwicklungen hat, Stichwort „Gilets jaunes“, meinte er mit seinem Titel „Plateforme“ nicht die großen Internetanbieter sondern eher eine touristische Organisationsform (oder seinen platten Schreibstil, haha). Wenn man wie Nick Srnicek Digitalwirtschaft kategorisieren will, lässt diese sich in 5 Plattformen einteilen. Und da macht IoT einen wichtigen Teil aus, aber nur halt nur einen. Deutschland scheint hier ziemlich erfolgreich zu sein.

Diese 5 Plattformen (Werbung, Cloud, IoT, Industrie-Mischform mit Datengenerierung, Teilen) könnte man nach Umsätzen, Nutzen und mit verbrachter Zeit der Menschen rangreihen. Ich glaube, der Einfluss auf Gesinnung, Zeit und Menschen ist momentan der wichtigste.

Da wirken im Moment die GAFAs ganz oben, und es sieht nicht so aus, dass sich in den nächsten Jahren hieran viel ändern wird. Vielleicht durchläuft der Wettbewerb in den nächste Dekaden eine ähnliche Entwicklung wie er sich in den  in den 50er und 60er Jahren darstellte mit der Dominanz einiger US-Marken im europäischen Lebensmitteleinzelhandel. Diese waren seinerzeit sehr erfolgreich mit ihren Produkten und Vertriebsstrategien. Erst dreißig oder vierzig Jahre später fanden europäische Anbieter eine Antwort darauf.

Wie lange dauert es, bis „ALDI EUROPE“ oder ein anderer europäischer Anbieter digital und worldwide auftritt? Haha. Ein Weg, der hiesigen Unternehmen faire Bedingungen ermöglichen könnte, wären Regulierungen im Rahmen einer europäischen Industriepolitik, die sich um Datenhoheit kümmert. Diese sind es ja bekanntlich,  welche die eigentliche und attraktivste Ware ausmachen. Sie sind es, die das Rad zum Laufen bringen.

Hörenswert hierzu der Podcast “What kind of future do we want to create and why?” Unter anderem mit Nick Srnicek author of “Platform Capitalism and Inventing the Future”

 

Bild: Syd Wachs

Digital US vs Kreativität EU? Oder, wer macht’s besser und zukunftsweisender?

Die bestimmt größte Digitalmesse Europas „dmexco“ besuchten in der vergangenen Woche sage und schreibe 41.000 Menschen in Köln. Auf 18 Bühnen sprachen 570 Referenten verschiedener Fachrichtungen über zumeist digital getriebene Marketingthemen, 1000 Aussteller präsentierten ihre Produkte und Dienstleistungen. Digital wird in Deutschland durch Entwicklungen aus dem US-amerikanischen Markt stark beeinflusst, so stand die dmexco unter dem englischen Akronym C.A.R.E. was für „curiosity, action, responsibility und experience“ steht. Ein Schelm sagt dazu „Wen ‚cared’s/kümmert’s?“ Gerade Sorgfalt ist bekanntlich angebracht, wenn es um Datenschutz, Privatsphäre und Urheberrecht geht. Es liefen zahleiche Gralshüter umher mit ihren CRM-Kelchen und programmatic Versprechungen (Kundenbindung ist damit gemeint und die Verteilung mit einer in Neudeutsch formulierten computergestützten „Adressierung“  von Inhalten und Werbung).

Wohltuend anders stellte sich die Innovationsmesse NOVAQ in Bordeaux dar. Hier ging es um konkrete Projekte, die uns unmittelbar betreffen. in der Region Nouvelle Aquitaine, die sich mehr und mehr zu einer Vorzeigeregion Frankreichs entwickelt, befinden sich zahlreiche internationale Unternehmen aus der Luftfahrt-, Raumfahrt-, Gesundheits-  und Ernährungsbranche. Anders als in Köln zeigten die in Bordeaux ebenfalls letzte Woche präsenten Anbieter Innovationen für Gesundheit, Meeresbiologie und Raumfahrt mithilfe auch von Künstlicher Intelligenz, Robotik und virtueller Realität.

So simulierte ein junges Unternehmen dreidimensional, wie eine Marslandung trainiert wird und Arianespace-Chefin Luce Fabreguettes  berichtete von der Umsetzung komplizierter Planungsvorbereitungen und von Abläufen , die notwendig sind, um Satelliten in Umlauf zu bringen. Das französische Unternehmen ‚cortexproductions‚ und sein deutscher Chef, Andreas Koch, zeigte mit seiner Mannschaft ein eindrucksvolles 360-Grad-Leinwand-Projekt und wie Prozesse im menschlichen Körper ablaufen. In einem Zylinder können bis zu 30 Zuschauer gemeinsam erleben, wie Blutkörperchen funktionieren. Gleichzeitig werden sie in Lage gesetzt, diese „anzufassen“ und auszuprobieren.

Weitere Akteure stellten unter anderem Lösungen für die Bewältigung des Plastikproblems in Meeren, für die Vermeidung von Überschwemmungen, Antworten zur Behebung von Verkehrsstaus und für die Linderung spezieller gesundheitlicher Probleme von Behinderten vor. Umgangssprache war hier Französisch. Zugebenermaßen in einem wesentlich kleineren Ambiente, dafür konkret, handfest und am Ufer der Garonne mit einem atemberaubenden Panorama.

Insgesamt also eine gelungene Messe für greifbare Innovationen in einem überschaubaren Rahmen – es wäre bestimmt empfehlenswert, solche Veranstaltungen auf einen binationalen deutsch-französischen oder gleich auf einen europäischen Rahmen zu heben. Nicht zuletzt bestehen Partnerschaften zwischen den einzelnen Regionen und Städten. Und da werden  einige zurecht rufen „Vive l’Europe!“ oder auch gerne auf Englisch „Make Europe Great again!“

Fast and dirty – schnelles Video von der Messe „Salon de l’innovation“ NOVAQ, Bordeaux im September 2018. Einfach anklicken.

Andreas Koch, Geschäftsführer von cortexproductions (Gewinner des deutsch-französichen Innovationspreises 2018) im Gespräch mit Helmut Poppe auf dem salon de l’innovation NOVAQ in Bordeaux.

RADIO, quo vadis? Wird uns das Radio erhalten bleiben? …

… so wie wir es kennen?

Smart Speakers ‚hot stuff‘ oder heiße Luft?

Zum Stand der Entwicklung und eine Prognose
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Es seien einmal ganz verschiedene Dinge in Zusammenhang gebracht: Ungeborene hören schon im Mutterleib und zeigen Empfindungen auf Töne. Gewisse Geräusche führen nachweislich zu einer Beruhigung des Embryos. Das Phänomen zeigt sich auch bei Neugeborenen laut einiger Studien, einmal auf der Welt, reagieren sie  auf bereits im Mutterleib Gehörtes mit ähnlichen Reaktionen. Radiopionier Bernt von zur Mühlen spricht beim Hören sogar von der „spirituellsten aller Sinneswahrnehmungen“.

Etwas anderes, kennt jemand noch spinner.com oder Netscape-Radio? So hießen die ersten Webradios Ende der 90er Jahre (natürlich gab es bei uns auch radio germany.net…). Die Menschen waren begeistert und fragten nach entsprechender Aufnahme-Software. Sie fanden es seinerzeit schade, dass sich einer der Dienste auf nur eine Stunde Kostenlosigkeit beschränken wollte.

Technik trifft auf Grundsätzliches, dem Menschen Inherenten. Was wird zukünftig Radio stärker beeinflussen: neue – und ephemäre Technikentwicklungen oder die magische Kraft des Hörens?

 

Anderes Terrain:

„Investieren, bevor die US-Jungs kommen“, so Vermarktungs-RMS-Chef Matthias Wahl.

Warum läuft es für Radio gerade so gut? Radio hat Rückenwind durch die Themen Sprachsteuerung, Digitalisierung und Entstehung vermutlicher Zukunftsmedien so der Chef des großen deutschen Radiovermarkters. Radio erfährt derzeit auch eine Renaissance, da bei einer gut laufenden Wirtschaftskonjunktur Abverkaufswerbung eine hohe Rolle spielt, und surprise!  zunehmende Skepsis gegenüber derzeitigen Formen der online Werbung dem traditionellen Medium in die Hand spielt. Bemerkenswert ist, dass in diesem Zusammenhang gerade große E-Commerce Firmen ihre Budgets im Radio erhöhen.  Auch kehren etablierte USPs von Radio wieder ins Blickfeld. Sie lauten: Reichweite, Touchpoints und Aktivierung.

Tageszeitungen mussten in den letzten 20 Jahren nicht nur in Deutschland massiv  Leser und damit verbunden Umsätze abgeben an Online.  Print leidet nicht allein, die klassischen elektronischen Medien wie TV und Radio mussten v e r m u t l i c h  ebenfalls Reichweitenverluste bei jungen Zielgruppen hinnehmen. Gründe hierfür sind zu suchen bei der Kostenlosigkeit des Contents (in welcher Qualität und Auswahl auch immer) und bei der geänderte Mediennutzung gerade junger Menschen. In einer Zeitreihe lassen sich aber solche Verluste nicht eindeutig nachweisen. In Großbritannien macht Radio laut der “MIDAS”-Studie immer noch 75% des gesamten Audiokonsums aus. Eine hohe Zahl, die bei den 15-24jährigen auf 50% abgesackt, aber immer noch beeindruckend ist. Die in Deutschland genutzten Reichweitenanalysen sind erst seit 2018 kompatibel zwischen online und UKW und DAB+. Radio – besser Audio – muss nun schauen, wie es sich der digitalen Herausforderung stellt. Funktionieren etwa die alten Rezepte: Gute Musik, starke Moderation, Abwechslung, Events und Zeitgeist nicht mehr?

 

Hier eine Momentaufnahme, die Werte für die Gesamtbevölkerung zeigt. Eine Zeitreihe über zurückliegende Jahrzehnte ist leider nicht möglich wegen fehlender Kompatibilität der Studien. Für junge Zielgruppen wie beispielsweise 14 bis 29-Jährige dürften die hier dargestellten Werte aus 2017 für Webradio wesentlich höher liegen. Sie sagen nichts aus über die Länge der Audionutzung. Live-Radio macht gemäß der genannten britischen Studie auf einem Smartphone nur 22% des Hörens aus, auf einem Laptop, Desktop oder Tablet und mit einer über Lautsprecher vorgenommenen Raumbeschallung ist es mit ca. 35 % die beliebteste Art des Audiogenusses.

Mit Erscheinen der MA 18 werden ausgewiesen: Online-Audio gesamt 4,631 Mio. Hörer pro Tag vs. Audio total 52,22 Mio., das heißt Audio aus UKW, DAB+ und Streaming kommt auf eine Reichweite pro Tag bei Personen über 14 Jahren in Deutschland von etwa 80%, was nicht eine Komplettabedeckung der Bevölkerung über 14 Jahre bedeutet aber schon ein dicker Brocken ist.

 

 

Wie antworten Radio-Stationen und deren Vermarkter auf den neuen Wettbewerb?

  1. Einfangen der Hörerschaft auf neuen Kanälen
  2. Transformation der Organisationsabläufe mit digitalen Hilfsmitteln
  3. Veredelung von Hörerdaten zur Monetarisierung

 

  1. Die neuen Kanäle lauten zum einen Simulcast, also die Übertragung von bestehenden UKW Angeboten im Internet und neue Channels, die engen speziellen Hörerwünschen und Profilen entsprechen. Deren Anzahl in Deutschland beträgt nach einer Zählung ingesamt: 586 auch mit Submarken, netto und ohne Doppelzählungen. Dem stehen knapp 300 UKW- und DAB+Sender entgegen. Andere Zahlen bietet das Mafo-Institut Goldmedia mit in 2016 2.450 gezählten Streamingangeboten. Gemeint sind hiermit andere, häufig private Einzelpersonen mit einem Sendebewusstsein, die nicht zu den angestammten anderen Gezählten gehören: 222 kommerzielle deutsche Privatstationen und knapp 60 von der ARD. Aus deutschen FM und DAB+-Radios werden 2018 voraussichtlich Umsätze in Höhe von ca. 800 Mio. €  n e t t o generiert, Instream-audio im Vergleich hierzu bescheidene ca. 40 Mio. und zum Vergleich der große Internet-Mitbewerber Amazon geschätzt 1 Mrd.!

Bemerkenswert bei der Entstehung neuer Kanäle ist die Möglichkeit über smarte Lautsprecher stark personalisierte Audioprogramme zu erstellen. Wenig Sinn macht es, diese speziell nach der Anzahl zu zählen. Es sind schlichtweg zu viele. Vom Namen ähnlich wie schon im Werbebereich – siehe nächster Absatz – werden „programmatische“ Audioprogramme auch mit KI-gesteuertem Content erstellt. Dies ist eine spezielle Subform von Streaming-Angeboten und erinnern ein wenig an bereits vor 25 Jahren bestehende Stationen, die mit 20 „Tonbandgeräten“ (ja, so hießen die Geräte) „fertiges“ Programm lieferten.

Ein interessanter Teilbereich in der Audio-Welt, wir reden nicht mehr von Radio oder Funk sondern von „audio“, stellen Instrumente wie Speech to Text und Text to Speech dar, womit Audio-Content eine Zweitverwendung finden kann in weiteren Kanälen. Ermöglicht wird hiermit auch eine tiefe Datenrecherche, die bei Audioformaten wesentlich schwieriger ist. Einmal teuer produzierte Audioschätze bleiben somit nicht unerkannt im Archiv sondern können identifiziert und einer weiteren Verwertung zugeführt werden. Auch können über eine Suchfunktion in zu Text transkribierten Texten ausgewählte Begriffe oder Muster gesucht werden. Praktisch zum Beispiel bei einer raschen Suche nach nicht erlaubtem Product Placement. Eine weitere Entwicklung stellen Sprachtransformationsprogramme dar mit denen Stimmen nach Geschlecht, Tonfall und anderen Kriterien imitiert werden. Automatisierte Sprachübersetzungen sind damit möglich. Hot stuff, wirklich. Diese Verfahren warten auf eine Umsetzung zum Beispiel im Filmgeschäft!

2 Transformation der Organisationsabläufe in den Stationen und bei Programmerstellern. Hierzu gehören neben rein technischen Büroorgansationstools, die zunehmend digital getrieben sind, die Umwandlung von Speech zu Text, wie soeben geschildert und was einen nicht zu unterschätzenden neuen Transformationsbereich und Wirtschaftszweig ausmachen wird. Ein weiteres Feld lautet Programmatic Advertising, Angebot und Nachfrage von Mediainventar und Reichweiten werden auf speziellen Plattformen automatisiert vermittelt und eingekauft. Es ergibt sich die Möglichkeit, dass bestehende Vermarkterebenen nicht mehr gebraucht und Mediaagenturen überflüssig werden. Es bestehen allerdings Zweifel bei vielen Marktteilnehmern, ob dies in den nächsten Jahren passieren wird. Gut möglich aber ist, dass Radiosender, oder die drei, vier bestehenden Audio-Vermarktergruppen wie von  RTL und Pro Sieben Sat 1 bereits vorexerziert,  bestehende Adtech- Firmen erwerben.

3 Eng verbunden mit der organisatorischen Transformation und mit Programmatik ist eine entstehende Data Management Plattform (DMP). Audio-DMP soll schon dieses Jahr in Deutschland ermöglichen, dass online Audioinventar über Listener-IDs zu taggen ist und Hörer nicht nur über Cookies sondern geräteübergreifend identifiziert werden.  Die Targetingqualität soll somit erheblich optimiert werden.  Das Verfahren ist angeblich datenschutzrechtlich konform. Ein Unternehmen wie Emetriq soll die Daten über externe Datenquellen anreichern. Gut möglich ist, dass Audio-TKPs und Einschaltpreise dadurch preislich ansteigen  und den Sendern zusätzliche Umsätze in die Kassen gespült werden.

Neu hinzukommende Player im Audiomarkt sind Alexa und Co, nämlich Sprachassistenten und Smart Speaker. Man beachte die Beilage im letzten Spiegel in der Amazon über Datenschutz und Features der Technologie. Alexa und ein dahinterstehender Smartspeaker („Heim-Zuhörer“), der „Amazon Echo“ sollen das Zeug haben, die Mediennutzung grundlegend zu verändern. Ein Drehen am Radioknopf oder das Umklicken von Sendern oder Streaminglisten entfallen, auf Zuruf machen Apps und das Endgerät was man will. Eine der Fragen lautet:  wer wird in Zukunft die Werbeerlöse bekommen, wenn der Hörer nach einem Produkt fragt oder wer wird die Werbeerlöse erhalten, wenn der Hörer sich über Alexa für den einen oder anderen Sender entschieden hat? Was passiert, wenn der Hörer die Werbung mit einem kurzen Sprachbefehl Werbung blockiert oder zu einem anderen audio-Anbieter wechselt? Amazon könnte auch möglicherweise eigene Spots vermarkten und wenn ein Hörer nach etwas fragt, einige Spots vor und nach der Antwort platzieren.  Die “alten Radio-Jungs“ müssen da aufpassen, sich nicht vom Audiofeld schieben zu lassen. Schlafen tun sie jedenfalls nicht.

Ihnen zur Seite stehen Pioniere bei den Radiomachern wie adremes, Funkhaus Nürnberg, Studio Gong, multicast-media und Antenne Frankfurt. Letzterem ist es gelungen mit einer kostenlosen „aufgeschraubten“ Facebook-App eine attraktive Senderpräsenz zu verwirklichen.

 

Ein Ausblick

Radio wird in seinen jetzigen Formaten bestehen bleiben. Dies gilt für die traditionelle Form des 1 to many mit den traditionellen Gestaltungselementen Musik, Moderation, Infos. Die Reichweiten werden nicht sinken sondern sich auf zahlreiche Kanäle verschieben. Neu hinzukommende Spezialkanäle werden auf den einzelnen Hörer zugeschnittene Programme ebenfalls aus den ‚alten‘ Standards Musik, Moderation und Nachrichten bieten. Die Audioanbieter werden zugleich immer mehr zu Contentproduzenten für andere Kanäle mit Speech to Text-Technologien. Ob smart loudspeaker wirklich eine Marktdurchdringung erfahren werden und somit zu einem Wettbewerb bestehender Vermarkter wie RMS, ARD, Gong und anderen werden, bleibt abzuwarten. Zu viele Technikhypes  – es sei erinnert an eingangs erwähnte Sauriere Netscaperadio und spinner.com –  haben sich als nicht beständig erweisen. Auch werden Audio-Chatbots zumindest zur Zeit abgelehnt, da sie als zu kalt und empfunden werden und die Beantwortungsqualität zu wünschen übrig lässt. Technik-„Narren“, die da behaupten, dass Radio in 5 Jahren in seiner jetzigen Form von Streaming überholt werde, sei die Überlegung ans Herz gelegt, dass sich mit großer Sicherheit der Radiohörermarkt nicht in nächster Zeit zugunsten Webradio drehen wird, denn rechnet man die vielen insgesamt in Audio verbrachten Millionen Hörminuten nach 10er-Jahres-Alterskohorten zusammen in den Segmenten 30 bis 39, 40 bis 49, 50 bis 59 etc. werden sich keine signifikante Veränderungen dieser Teilzielgruppen bei der Verweildauer ergeben. Immer wieder ärgerlich sind solch wenig fundierten und interessengesteuerte Behauptungen . Sie fallen eher in die Rubrik „Technikhyper, die ihr Ding hochjazzen wollen“. Grund für die Statik sind Hörgewohnheiten, die sich nicht nur ab einem Alter von 40 Jahren  wenig ändern. Und nicht anders dürfte es bei jungen Zielgruppen aussehen, die zwar mit weniger als 20% nur einen relativ kleinen Teil an der Gesamtzahl der Radiohörzeit ausmachen. Sie werden auch ihre in der Jugendzeit erworbenen Mediennutzungsgewohnheiten in audio und Radio  nicht so rasch wechseln, also doch tendenziell für klassisches Radio schwerer erreichbar sein, auch wenn vorliegende agma-Zahlen bisher eine andere Entwicklung suggerieren. (Daten ganz am Ende dieses Artikels). Mit der aktuellen Kinder- und Medien-Studie 18 wird ebenfalls die gängige Meinung, dass sich Kinder und Jugendliche klassischen Medien abwenden relativiert. Radio täglich hören kommt bei den 6 bis 13Jährigen immerhin auf 23% und folgt der täglichen Internetnutzung nur knapp mit 27%.

Branding wird nach Ansicht von Experten eine Renaissance erleben, denn ein prägnantes Sound-Logo einer Marke erreicht die zumeist heftig abgelenkten Konsumenten gut. Erst recht, wenn über die Sprachsteuerung sich niemand eine lange Reihe von Suchergebnisse vorlesen lassen will beispielsweise für ein Suchwort wie „Reisen“ oder „Autos“. Insgesamt können mit einer prognostizierten Audio-Revolution nach langen Jahren der KPIs und gezählten/bezahlten Kaufabschlüssen wieder Markenbekanntheit und Werbeerinnerung in der Werbeerfolgsmessung nach vorne rücken

Ein kleiner Scherz sei am Ende erlaubt: Recherchiert man die Quelle der Studie zu den Embryohörempfindungen stößt man auch auf eine Site, die ihr Geld mit einem Artikel aus dem FMCG verdient, das auch einer der stärksten Radiokunden vertreibt. Just dieser strich in den letzten Monaten seine Investitionen im Onlinewerbemarkt heftig zusammen. Nicht nur er hat also die Kraft von Radio verstanden.

Den social media-Experten sei gesagt, dass Radiostationen das Geld, verdient mit social media als kleines add on gleich in deren Auftritt auf diesem Kanal und in das Personal reinvestieren. Strategisch richtig ist, dass Audio seine Hörerschaft auffinden und bedienen muss, wo sie sich aufhält. Texte und Bilder im Netz sind da aber nur ein Element und Mittel zum Zweck, nicht aber die eigentliche Message. Diese lautet: Musik, Wort, Vertrautheit und Geselligkeit, Nachrichten und Information. Influencereinbindung, Themen zu Mode und digitalem ‚yellow‘ sind Mosaiksteine einer erfolgreichen Audio-Webpräsenz. Den social media und SEO-Experten sei gesagt, dass das Ziel der Radiomacher schlichtweg lautet,  das junge Publikum bei ihrer Radiomarke zu halten. Da ist Kreativität und zugleich Know-how über Programmgestaltung und Zielgruppen gefragt. Die Bedrohung des Radios wie wir es kennen, hat mit Zeit zu tun, wer viel und intensiv auf den Screen schaut, ist für lange Stunden weniger zu erreichen als der Youngster seinerzeit, der einer Hitparade lauschte und nebenbei seine Hausaufgaben machte oder einen Krimi las.

Zuversichtlich gestimmt, wird hier die Prognose gegeben, dass die  etablierte Radiobranche im gestellten Wettbewerb bestehen bleibt. Gut hinhören werden die Radiomacher sicherlich.

Radio mit seinen durchaus suggestiven und unterhaltenden Stärken wird nicht verschwinden. Es wird  vielmehr auf mehreren Kanälen und in überschaubaren Darbietungsformen weiterhin seine Stärken ausspielen. Etwas Futuristisches: Wie wäre es mit einem Hologrammbegleiter, der nicht nur Audio abspielt sondern auch alles andere erledigt? Quasi ein geboosteter Lautsprecher mit menschlichen Formen? Erstaunlicherweise sind reine Science Fiction-Modelle viele Jahre später tatsächlich Realität geworden.

Zum Verfasser dieses Beitrags: Helmut Poppe, Radiopionier mit den Stationen: Radio Petticoat-Berlin (erster deutscher Oldiesender), Geschäftsführer der Radio Tele Media-Service, Marketingleiter Vertrieb Studio Gong, Verkaufsdirektor der IPA und IP Multimedia, Marketingleitung germany.net mit radio germany.net. Er arbeitet in und an digitaler Transformation für verschiedene Unternehmen in Deutschland und im Ausland in den Branchen Sport, politische Kommunikation und Medien.

©Helmut Poppe, im August 2018

Hör- und Verweildauerentwicklung junge Zielgruppen, Quelle agma

 

Hype-Bild, Quelle: unsplash, Verena Yunita Yapi

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Die 10 Gebote – MEDIA

Digital Signage Summit, Frankfurt

Heraklits “panta rhei”, umgesetzt auf Digitalmarketing- und werbung bedeutet für Thomas Koch – Chef des Digital Out of Home-Unternehmens TKD Media – eine sorgfältige Umsetzung bestehenden Mediawissens in einer Epoche der digitalen Disruption.

Seine 10 Gebote für Media:

„#1 Thou shalt have no other Gods before me

Thou shalt not advertise in any other media than digital – unless… they traceably prove to be more effective

#2 Thou shalt not make unto thee any graven image

Thou shalt not invest into display ads, stupid! – they simply don’t work

#3 Thou shalt not take the name of the Lord thy God in vain

Thou shalt not call me only Google and Facebook – there is more to digital marketing than those two bloodsucking vampires

#4 Remember the sabbath day, to keep it holy

Thou shalt not stalk your audience 24/7, they’re real people –  give the poor folks a break or at least a frequency cap

#5 Honour thy father and thy mother

Honour thy parents print and TV – cause it’s mainly their content being distributed

#6 Thou shalt not kill

Thou shalt not kill marketing nor the love and affection of the target group towards media and advertising

#7 Thou shalt not commit adultery

Thou shalt not fuck the users nor the GDPR, nor even the Congress

#8 Thou shalt not steal

Thou shalt not steal budgets from media that prove more effective along essential chapters of the marketing funnel

#9 Thou shalt not bear false witness against thy neighbour

Thou shalt not lie about your KPIs nor the size of your FB-community

#10 Thou shalt not covet thy neighbour’s house, wife, servants, nor his ass or anything else

Thou shalt not envy thy neighbour’s media mix nor marketing success

If you follow these simple rules you will experience more success than ever before. If you even go one step further and follow the new opportunities DOOH is offering to make your campaign more successful – not in terms of weird KPIs, but in respect to measurable stuff like real sales – you will never forget the keynotes you experienced at the Digital Signage Summit in 2018.“

 

Klar, dass er als Chef der Agentur TKD | Mediaagentur für digitale Kommunikation 

Digital Out of Home besonders gut findet. Argumente findet man im beigefügten Audio-Mitschnitt zum Bespiel mit dem Berliner FluxFM.

Und wer weiß, vielleicht wird mit ihm einmal die Vision des zu einem perönlich sprechenden Hologramms wahr.

‚Normale‘ Werbung und Parteienwerbung – nicht dasselbe?

Nun, die Ziele, nämlich Bekanntheit zu schaffen und eine Entscheidung, nämlich einen Kaufakt auszulösen oder ein Kreuzchen zu setzen, sind identisch. Politische Wahlentscheidung gleich zu setzen mit einem Kauf ist nicht so gewagt wie es den Anschein haben mag. Mancher Werbeplaner behauptet sogar, dass es keinen Unterschied macht, ob eine Joghurt-Marke oder ein Politiker beworben wird. Parteistrategen dürften sich bei dieser Aussage die Nackenhaare hochstellen. Eines ist klar, eine Positionierung muss auch für politische Repräsentanten  gefunden werden. Aufgabe der Werbespezialisten ist , die Botschaft auf einen Punkt zu fokussieren und eine klare Aussage zu formulieren mit der sich Kandidaten von den anderen unterscheiden.

 

Schauen wir uns einmal einige Techniken und Verfahren der „Werbung“ an. Insbesondere die mediale Unterstützung, das Handwerk der Mediaplanung und – die aktuelle Diskussion lässt grüßen – der Einsatz von social media und  anderen Wahlunterstützern.

Die gängige Lehre nennt für Werbung drei Beeinflussungsziele in der Kommunikation: Aktualität, man muss sich ja immer wieder in Erinnerung bringen, Vermittlung von Emotionen, die ein unverwechselbares Erlebnisprofil zuordnen sollen und die Vermittlung von tiefergehenden Informationen für erklärungsbedürftige oder innovative Produkte.

An Medien stehen der Markenartikelindustrie im sogenannten Above the Line-Bereich das Instrumentarium der Oberflächenmedien wie TV, Print, Radio, Plakate zur Verfügung. Schwer messbar, da nicht vollständig im Radar der erfassenden Institute, sind Below the Line-Maßnahmen wie Verkaufsförderungen, Werbemittelzuschüsse, Handelsunterstützungen, Direkt- und Dialogmarketing und ähnliches. Rechnet man die Zahlen einmal zusammen, kommt ein stattlicher Betrag von über 30 Mrd. € alleine aus Investitionen der Markenartikler in Mediawerbung zusammen. Hier nicht oder nur ganz teilweise erfasst sind Investitionen in social media der werbungtreibenden Wirtschaft. Zudem ist es ausgesprochen schwierig annäherende Werte für Brutto-und Nettoausgaben zu ermitteln.

Eine Brutto-Übersicht der ‚spendings‘ bietet Nielsen wie hier dargestellt. Einzelne Werbungtreibende geben wie dort ausgewiesen mehrere hundert Millionen Euro pro Jahr für Mediawerbung aus mit Spots, Anzeigen, Plakaten u.a. Werbeformen.
Quelle: Nielsen

MEDIENKLASSE 2017 kum.*TEUR
ABOVE THE LINE (Summe) 31.867.880
ZEITUNGEN 4.903.012
PUBLIKUMSZEITSCHRIFTEN 3.403.877
FACHZEITSCHRIFTEN 396.184
FERNSEHEN 15.307.574
RADIO 1.915.672
KINO 159.900
INTERNET 2.992.826
MOBILE 663.147
OUT OF HOME/PLAKATE 2.124.689

Stellt man diesen doch recht gewaltigen Ausgaben – hier nicht enthalten sind Produktionskosten – die Ausgaben politischer Parteien gegenüber (aus Gründen der Vergleichbarkeit auf ein Jahr wurde ein Dreijahresdurchschnitt gebildet um den ‚Ausreißer‘ Bundestageswahl 2017 zu berücksichtigen), sieht man welche geringe Rolle Werbung  und insbesondere Media bei Parteien spielt. Gründe sind schlichtweg deren fehlende finanzielle Ressourcen. Im Vergleich zu Mediawerbung der großen Marken beträgt der Anteil für politische Werbung im Jahresdurchschnitt nur wenige Promille (Politische Parteien 37,15 Mio. € vs. 30 Mrd. € von Marken). Auf den Stellenwert Internet und Mobile, der bei der Markenwerbung über 11% (eigentlich reichlich mehr, da US-Anbieter deren Umsätze nicht ausweisen) ausmacht, wird später in diesem Beitrag eingegangen.

Werbe- und Kommunikations-Ausgaben politischer Parteien im
Jahresdurchschnitt 2015  bis 2017** in Tsd. Euro

MEDIA 37.150
GESAMT/SCHÄTZUNG** 42.010,0
ZEITUNGEN 12.000
PUBLIKUMSZEITSCHRIFTEN eher 0
FACHZEITSCHRIFTEN eher 0
FERNSEHEN *** 2.650
RADIO eher 0
KINO 5.000
INTERNET 9.000
MOBILE eher 0
OUT OF HOME/PLAKATE 8.500
WERBEBRIEFE, HANDZETTEL 1.500
VERANSTALTUNGEN 3.300
CANVASSING** 10
GIVE AWAYS 50
*** Selbstkostenregelung bei Privaten,
BTW 17 ca. 8.000

In diesen Zahlen wurden Kommunalwahlen (hier vornehmlich out-door und Tageszeitung als klassische Medien), Landtagswahlen und die Bundestagswahlen 2017 berücksichtigt.
Quelle: © Helmut Poppe, poppe-media, 06.18,
eigene Berechnungen

Konzipiert und platziert wird die nationale Werbung der Parteien durch 5 Werbeagenturen, die ansonst Handelskunden oder große Marken betreuen. Bemerkenswert ist hierbei, dass jüngst klassische Werbeagenturen zunehmend Interesse an politischer Kommunikation und an Neugeschäft aus diesem public-Bereich zeigen. Die von den Werbeplanern in politischen Parteien „gefühlte“ Effizienz der einzelnen Kommunikationsinstrumente liegt erstaunlich hoch bei Maßnahmen wie Tür zu Tür-Besuchen „Canvassing“, persönlichen Briefen und bei Veranstaltungen. Als wirksam empfunden – und angesichts niedriger absoluter Kosten – werden auch social media-Plattformen wie Facebook, Pinterest und Twitter genutzt.

 

Parteienwerbung
„gefühlte“ Effizienz                 1 bis 5 (hoch)
ZEITUNGEN 4
PUBLIKUMSZEITSCHRIFTEN 2
FACHZEITSCHRIFTEN 2
FERNSEHEN 5
RADIO
KINO 3
INTERNET 4
MOBILE 3
OUT OF HOME/PLAKATE 4
WERBEBRIEFE, HANDZETTEL 5
VERANSTALTUNGEN 5
CANVASSING 5
GIVE AWAYS 4

© Helmut Poppe, poppe-media, 06.18

Eine jüngst vorgenommene eigene intensive Recherche bei Planern und Strategen in Parteien zeigte Erstaunliches: sentiment analysis, „Algorithmen-gesteuerte“ Kampagnen – und Anspracheplanung, big data/analytics, auch programmatic political advertising, ähnlich wie in der Online- und zunehmend in der klassischen Medienwerbung, sind eine Mähr in Deutschland – sie gibt es in der politischen Kommunikation und Werbung (noch) nicht. Gründe hierfür sind zum einen die Skepsis gegenüber solchen Techniken bei den Medienmarktführern und bei Werbungtreibenden, fehlende Effizienznachweise und …. nicht bestehende Interdisziplinarität. Den politischen Kampagnenplanern fehlt der Zugang zu den „programmatic Nerds“, und diese können oder wollen nicht ihr Instrumentarium außerhalb der Absatzförderung oder nur für Forschungszwecke einsetzen.

Wer kennt sie nicht, die Briefe von Versicherern, Möbel-oder Modeanbietern, in denen man an aktuelle und für einen persönlich zugeschnittene Angebote erinnert wird? Die werbungtreibende Wirtschaft verstärkt nur leicht ihre Ausgaben in sogenannten Dialogmedien – gemeint sind damit unter anderem Briefe. Insgesamt macht aber dieses Marketing-Instrument einen erheblichen Anteil (fast 50%) der Ausgaben im Kommunikationsmix von Wirtschaftsunternehmen aus. Wenn Parteien dieses Tools nutzen, liegen sie wohl nicht falsch.

 

Die Abweichung der Bruttowerte i. Vgl. zu vorherigen Tabellen erklärt sich u.a. durch Brutto-Nettoberechnung und Produktionskosten.

Quelle: Horizont26/2018

Defizite politischer Parteien bestehen bei dem Nutzungsnachweis der Nutzung digitaler Kanäle – womit sie nicht allein stehen. Nicht nur der größte FMCG-Anbieter fordert verlässliche Reichweiten- und Nutzungsnachweise  und droht mit einem Ausstieg aus „digital“.  Dennoch liegen die Ausgaben politischer Paerteien für Kommunikation und Werbung im Internet mehr als doppelt so hoch im Vergelich zu Marken. Und dieser Anteil wird in den nächsten Jahren durchaus noch steigen zu Lasten von Print. Gar nicht revolutionär ist die Vision, dass spezielle Bewegtbild-Features und  Audio-Podcasts ihren Eingang in der politischen Werbung finden werden.  Dies kann sich gerade für Millennials lohnen. Content gibt es reichlich, der Cyber-Kanal ist nicht kostenintensiv, Bewegtbild und zeitversetztes Audio kommen bei jungen Zielgruppen gut an, bei diesen gilt ‚mobile screen first‘.   Fantasie und Kreation sind gefordert … und auch Gespräche mit den neu entstandenen Contentportalen bisheriger reiner eCommerce- Anbieter und warum nicht, mit dem neuen Bewegtbildangebot von Instagram namens IGTV.

Auch sollten Mediaplaner für politische Kampagnen  das gute alte UKW-Radio – ein typisches Abverkaufsmedium und sehr gut geeignet für kurzfristige Aktualisierungen –  in ihren Excel-sheets wieder mit aufnehmen. Das Medium ist tagesaktuell einsetzbar, wofür in der politischen Kommunikation sehr häufig Bedarf besteht, es  funktioniert in regionalen oder lokalen Plänen zu günstigen relativen und absoluten Kosten (TKPs und GRPs).

Eine hoch innovative Werbeform des Out of Home wurde im letzten nationalen Wahlkampf in Frankreich durch den Kandidaten Luc Mélenchon eingesetzt. Mit Hologrammen trat er virtuell und fast lebensecht zeitgleich auf unterschiedlichen Bühnen auf. Hiermit beweisen Kandidaten Innovations-willen und digitale Affinität.

Originalität und frechen Innovationsgeist demonstrieren werbende Unternehmen und bisweilen die Politik mit Guerillamaßnahmen und -Werbemitteln. Diese erzeugen einen ‚Hinguckeffekt‘, tragen zur Markenbekanntheit bei, sind kostengünstig, zielgruppengenau planbar und erzeugen  hohe Sympathiewerte.

 

Wer wohnt hier?


Bild: Landon Martin

Ein interessanter Aspekt stellt die Frage der Adressenverwaltung und Auswertung im Rahmen von Canvassing-Apps dar. Lief früher ein Wahlkämpfer von Tür zu Tür und machte sich hinterher auf einem Zettel Notizen, können papierlose Planung, Durchführung von Gesprächen und deren Auswertungen in digitaler Form ein heißes Eisen sein.

Empfehlungen für die Konzept- und Budgetplanung Kommunikation und Werbung politischer Parteien lauten somit:

  • Profiling schärfen
  • Wählerbindungsinstrumente einsetzen
  • Dialogmedien nutzen
  • Für junge Zielgruppen streaming-Formate erstellen und dort
  • (falls Möglichkeiten vorhanden) werben
  • UKW wieder neu und Audio-Podcasts als wirkungsvolle Medien entdecken

Wenn Wirtschaftswerber, Prospektaussender und Handelsketten Verfahren der Profilerstellung selbstverständlich nutzen, müssten sie eigentlich auch politischen Parteien offen stehen. Politische Einstellungen und Kaufabsichten sind dann offensichtlich doch zweierlei und nicht dasselbe in Deutschland.

© Helmut Poppe, poppe-media, 06.18

 

Aus dem Maschinenraum: KI, Sprachen und maschinelles Kauderwelsch

„Die Zone muss gegen Kampfkatzen verteidigt werden“ ruft eher Unverständnis oder ein Lächeln hervor als dass  zum  Weiterlesen animiert wird. Wenn dann auch noch von einer „Gesellschaft“ statt Firma gesprochen wird, dämmert einem, es könnte sich um einen maschinell übersetzten Text handeln.

Eigentlich hat solch ein Verfahren aber seinen Charme und wird möglicherweise nicht nur unsere Befangenheit im Umgang mit native speakers im Ausland lockern, automatische Übersetzer haben auch eine ganz erhebliche Auswirkung auf Schule und Unterricht. Nämlich fast die Hälfte der in Schulen verbrachten Zeit mit entsprechenden Stundentafeln wird Sprachen gewidmet. Und Fremdsprachen immerhin ein Viertel. Gibt das vielleicht Raum für andere Disziplinen (wie Kompetenzerwerb im Umgang mit digitalen Medien?)

DeepL, ein Kölner Unternehmen, will  leistungsfähiger sein  als die Konkurrenz von Google, Microsoft und Facebook. Zuvor hieß das Unternehmen linguee und mit dessen Übersetzungsergebnissen kamen über die Jahre eine große Menge Trainingsdaten für das neuronale Netz von DeepL zusammen. Neuronale Netze sind eine Form  künstlicher Intelligenz, die sich fortlaufend selbst verbessert und  lernfähig ist.

Praktisch ist das Ganze jetzt schon. Abgesehen von der beschwerlichen Übersetzungsarbeit werden durch Eingabe in ein Textfeld binnen einer oder zwei Sekunden fremdsprachliche Texte schnell erzeugt, die einem nicht nur die intellektuelle Herausforderung des Übersetzens sondern vor allem zeitaufwendiges Tippen ersparen. Ein Gegenlesen oder besser eine Überprüfung durch  Muttersprachler und eine anschließende Korrektur schlecht übersetzter Passagen ist auf jeden Fall anzuraten. Damit aus dem „kraulenden Schwimmer“ keine „Kampfkatze wird“ (der Sprachcomputer hat schon skurrilen Humor, grins).

Hier Übersetzungsbeispiele aus dem wirklichen Leben und anlässlich des ersten Mai:

Originaltext auf Deutsch von Bettina Weiguny FAS vom 29.04.18:

„Sehr geehrte Personalabteilung, unser Freibad hat wieder geöffnet, der Himmel leuchtet schwimmbadwasserblau, die Sonne kitzelt meine Zehen, und Hannes hat schon unsere Jahreskarte gelöst. Was Sie das interessieren muss? Nun ja, Montag muss die Firma ohne mich auskommen. Die ersten Stunden im Freibad sind die schönsten. Und die wichtigsten. Das Revier muss markiert werden gegen die Oma-Schwimmerinnen und Kampfkrauler. Einmal zu zaghaft, und die ganze Saison ist versaut. Kurz und gut: Ich geh’ schwimmen. Bis Mittwoch!“

Hier eine Rückübersetzung ins Deutsche von teilweise missverständlichen Textteilen, die auf Französisch automatisch übersetzt wurden.

„….Unser Außenschwimmbad ….was muss das Sie interessieren?“ (gibt es als Redewendung nicht) … „die Gesellschaft wird auf mich verzichten müssen“.. .“Die Zone muss markiert (begrenzt) werden…. gegen die Kampfkatzen„.

Die automatische Übersetzung ins Französische wie soeben dargestellt, (wird beim Muttersprachler nicht verstanden werden, entsprechende Passagen kursiv ):

„Cher service du personnel, notre piscine extérieure est de nouveau ouverte, le ciel est bleu, le soleil me chatouille les orteils, et Hannes a déjà acheté notre billet annuel. Qu’est-ce qui doit vous intéresser ? Lundi, la compagnie va devoir se passer de moi. Les premières heures dans la piscine extérieure sont les meilleures. Et le plus important. La zone doit être marquée contre les grands-mères nageuses et les chats de combat. Un trop timide, et toute la saison est foutue. Bref, je vais nager. A mercredi !“

Übersetzt durch  www.DeepL.com/Translator

Eine Übersetzung ins Englische zeigt ähnliche Schwachstellen:

„granny swimmers and fighting cats“.

Trotzdem und erst recht: Viel Erfolg nach Köln! Wir warten auf den im Hemd eingebauten Translator (keine Schwarzenegger-Stimme bitte)

 

Bild: unsplash, Romain Lavigne

Startups Anonymous: „Stimmung ist schlecht. ….

…Alles mühselig. Trinke zu viel.“

Spencer 2 im Zeit-Kommentar meint dazu:

„Das Unternehmerdasein ist schwer und risikobehaftet. Das muss jeder wissen, der sich darauf einlässt. Es bedeutet 80-Stunden-Wochen und man kann jederzeit in der Pleite enden. Oder als Millionär…“

und Cave Felicitas kommentiert den Zeit-Artikel: „Man stellt sich hin, erzählt von einer tollen Idee und glaubt, dass es schon irgendwen gibt der dafür Geld hergibt und so einem das schöne Leben als Unternehmer bezahlt.

Nur so ist es nicht.“

 

Learnings eines Seriengründers zusammengefasst: „Schafft was Gescheites!“ Ein bisserl hart ist das schon, aber gut gemeint.
Insgesamt  mehr als die Hälfte der beruflichen Zeit hat er  in Neugründungen verbracht in führenden Positionen.

No1. Gründung einer Schwestergesellschaft im Medienbereich, Ergebnis: mit alten Hasen und in den 90ern lukrativ aber mit eher langweiliger Perspektive.

No.2. bei einem der ersten ISPs in Deutschland: mit altem Marketingverständnis weiterhin lukrativ, störend nur die new economy- Leute mit irritierenden Ansätzen, die man nicht verstehen wollte (Hätte Sinn gemacht, denn social media, streaming etc. wurden vorweggenommen. Wichtige Erkenntnisse außer Acht gelassen).

No3: echtes Startup, voller Flop. Als Gf. Stress mit Staat, Versicherungen etc. Tumbe CIO-Vollmundigkeit  kennen gelernt. Diese machten sich aus dem Staub  und wirken als kleine Mäuse woanders. Einigen startups  griff er unter die Arme beim business development , machte Türen auf, entwickelte Projekte.  Nur, es fehlten Input und Konsistenz einer diffusen Hierarchie, die den  Druck der Geldgeber durchreichte. Ab und an betriebsame Hektik oder Tischfußball.

Anschließend big change: Digitales in die öffentliche Hand gebracht – nun denn …. trotzdem positiv.

 

Learnings: ihm entsteht der Eindruck, dass sehr viele der Startuppers aus einem familiären Umfeld kommen, das es ihnen erlaubt, Zeit zu vertrödeln und sich finanziell eine Zeit lang  über Wasser zu halten. Die Entscheidung, sich in einem traditionellen Unternehmen als Anfänger einzurichten, wird vertagt. Lebenszeit wird vergeudet zumeist in Angebote, die früher auf einen Abrisszettel in der Ecke des Supermarkts gepasst hätten. Ein ganz erheblicher Anteil der ach so innovativen Geschäftsmodelle geht in Bereiche, die Vermittlung, social und ecommerce bedienen. Der Anteil der Wertschöpfung aus diesen Sektoren ist im Vergleich zu  den 5 Megathemen relativ bescheiden.

Er meint: Der digitale Wandel ist epochal, stimmt. Innovativer Treiber zu sein, ist prima. Energie aber ins wahre Geschäft zu stecken lohnender. Nur Mut Leute there is real life beyond „table soccer“!