Medienwirtschaft und Robert Koch Institut

Strategien und Handreichungen. Zahlen valide?

RadioSalesWeekly stellt die Frage

Das Robert Koch-Institut hat in einem Papier „Strategien und eine Handreichung zur Entwicklung von Stufenkonzepten bis Frühjahr 2021″ vorgelegt. Übergeordnetes Ziel hierbei ist, die Zahl der schweren Erkrankungen, Langzeitfolgen, und Todesfälle durch COVID-19 zu minimieren und eine Überlastung des Gesundheitssystems nachhaltig zu vermeiden.

Bemerkenswert ist hierbei, dass in einem Stufenkonzept verschiedenen Situationen einer möglichen Aussetzung von Risiken beispielsweise in der Gastronomie, beim Firseur, in Kindergärten und ….  dem Enzelhandel …. nur geringe Infizierungsgefahren zugeordnet werden. Ganz erstaunlich aber ist, dass sogenannte ‚Nicht-Covid-Effekte bei Beschränkung‘ zu befürchten sind. Gemeint sind hierbei „soziale, psychologische, ökon. Effekte“. Im Klartext: RKI meint „Schließung ist nicht schlimm“ – oder Öffnung nicht gefährlich? Wohl eher Letzteres.

In der Bibliografie zu dem Papier sind 61 Quellenangaben von  Studien enthalten einzig aus den Bereichen Medizin und Schulen. Das RKI sollte dringend auch andere Studienteilnehmer gewinnen. Solche mit Wirtschaftskompetenz wie GfK, Kantar, Nielsen und die zahlreichen Startups aus der Empirie könnten da helfen.

Destatis

Der Einzelhandel – er beschäftigt immerhin mehr als drei Millionen Personen und macht stationär einen Umsatz von 63 Milliarden € aus und die Millionen Personen, die dort massiv wirtschaftlch und persönlich betroffen sind, haben es verdient, eine bessere empirische Grundlage zur Beurteilung von Maßnahmen zu erhalten.

„Moderate“ Auswirkungen auf Infektionen im Einzelhandel, in der Gatronomie und in  Hotels mögen gesundheitlich zutreffen und lassen sich durch Vorsichtsmaßnahmen steuern. Die Auswirkungen sind wirtschaftlich katastrophal. In  #RadioSalesWeekly nehmen Medienexperten dazu Stellung und stellen vor allem die Validität der Zahlen in Frage.

Neben den Beschäftigten im Einzelhandel und in der Gastronomie leiden solche in Kreativbranchen, in Marketing und Medien. Der Zuwachs der Arbeitslosgkeit in beiden Letztgenannten beträgt laut ZAW 40%. Dem Videocast folgen hier. Dort geht es auch um ein weiteres Verbot, nämlich dem jünst in die Wege geleiteten Werbeverbot für ‚Aktionsware‘. Da hat das saarländische Wirtschaftsministerium wohl nicht mitbekommen, dass Werbemittel dafür national geplant werden. Wo bleiben die Regelungen für das saarländische Web?

Distanzlernen in Schulen lässt weiterhin auf sich warten

Prof Peter Henning beschreibt ausführlich und kenntnisreich den Stand der Bildung in #Schulen und #Hochschulen in #Corona-Zeiten. Als Kollege – wir beide Leiter des Lab #eLearning im BVDW – und auch bei learntec machten schon früh aufmerksam auf Chancen von digital gestützt Lernen.

Schaut man in deutsche Schulen wird viel über fehlende Wlans und Defizite bei der Technik geklagt. Das Thema Lernen ist viel zu komplex um es alleinig auf IT zu reduzieren. Bereits 2009 habe ich auf vollständige Unvorbereitetheit des Schulsystems bei drohenden Pandemien hingewiesen. (Bildungsklick/Poppe).Die Verantwortlichen müssen sich da schon an die Nase greifen – oder sind sie schichtweg überfordert und ziehen sie sich auf die Position des „wir warten auf …., wir haben schon, aber …“ zurück? Eindeutig fehlt eine Interdisziplinarität mit anderen Disziplinen: eGaming, ja!, .. Big Data, .. bestimmt, Blick auf nicht pädagogische Bereiche, digitale Methodenkompetenz, Kommunikationsforschung ….Spannend sind Distanzlernszenarien für als ‚schwierig‘ vermutete Fächer wie Sport und Fremdsprachen. PDFs und ‚Bewegung an der frischen Luft‘ können es nicht sein. Naturwissenschaften beigebracht mit VR/AR, Mathematik – Horrorfach für viele – ebenfalls.eLearning kann Akzelerator in Lernprozessen sein, es muss gerade jetzt gefördert werden mit Vorzeigeprojekten. Setzt auf Bestehendes wie zum Beispiel Videokonferenz-Lernen, Cloudlösungen und baut sie aus. Es wurde viel zu lange gewartet und es wird immer noch gezögert.

Hier der facebook-Artikel des Professor des Jahres 2007“ in der Kategorie Ingenieurwissenschaften und Informatik. „Wir haben vorgestern im Landesfachausschuss Bildung und Wissenschaft über die Folgen der Corona-Maßnahmen für die Bildung diskutiert. Wenn ich das mit den eigenen Erkenntnissen aus allen Bildungsbereichen zusammenwerfe, kommt ein erschreckendes Bild heraus1 Schule1.1 Der Mangel an Lernzeit und Lernstoff, der sich aus zwei halbgaren Schulhalbjahren ergibt, ist für die meisten Grundschulkinder beherrschbar und aufholbar. Das hängt mit der Flexibilität der kleineren Kinder zusammen, diese Erfahrung haben wir schon vor mehr als 50 Jahren mit den so genannten Kurzschuljahren gemacht, in denen die Bundesländer ihre Schuljahresanfänge aneinander angepasst haben.1.2 Der Mangel ist nicht aufholbar für die älteren Jahrgänge, sagen wir ab Klasse 10. Hier werden wesentliche Aspekte des Stoffes versäumt, was zu erheblichen Defiziten führen wird. Teilweise ausgeglichen wird dies durch den verstärkten Erwerb von Selbstlernkompetenzen und Selbstmanagementkompetenzen.1.3 Bei allen Schuljahrgängen tritt das große Problem auf, dass ein erheblicher Teil der Schüler durch noch so gute Ansätze zum Distanzunterricht nicht erreicht worden ist. Neben den erheblichen Lernstandsdefiziten tritt dabei ein starker Verlust der Lernfähigkeit zu Tage, sie sind kaum noch für „Schule“ zu motivieren. Deutlich gesagt: Wir werden einen signifikanten Anstieg der Schulabbrecher sehen und müssen uns auf eine Ausweitung der Förderprogramme einstellen.1.4 Betreuungslehrer und Schulsozialarbeiter melden einen erheblichen Anstieg der Schüler mit psychischen Problemen – die Rede ist, ohne dass das derzeit verifizierbar ist, von einer Verdoppelung.1.5 Sportlehrer melden eine signifikante Verringerung der körperlichen Fitness (in der 7. Klasse z.B. durch standardisierte Tests erfasst) bereits nach einem halben Jahr. Der körperliche Zustand der Schüler verschlechtert sich dramatisch, wenn sie nur noch daheim eingesperrt sind.2. Hochschule2.1 Obwohl die Hochschulen beim Thema „Lernen auf Distanz“ sehr viel weiter sind als die Schulen (doch häufig immer noch Lichtjahre hinter dem etablierten Stand der Kunst zurück), ergeben sich deutliche fachliche Defizite bereits nach einem halben Jahr. In vielen Fächern fehlt den Studierenden einfach der diskursive Aspekt, die persönliche Betreuung durch einen Tutor oder die Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Tisch kann eben nicht vollständig durch noch so ausgefeilte digitale Konzepte ersetzt werden. Nicht umsonst ist der „Stand der Kunst“ heute das Blended Learning, bei dem Präsenzphasen und Selbstlernphasen nach verschiedenen Modellen einander abwechseln und ergänzen.2.2 Nicht nur haben viele Erstsemester des Sommers 2020 ihr Studium bereits wieder abgebrochen – denn so möchten sie einfach nicht studieren. Sondern es wird aus den Abschlussjahrgängen der Schulen berichtet, dass viele der Schüler keine Motivation verspüren, jetzt sofort ein Studium zu beginnen. Wir werden also einen deutlichen Rückgang der Studierendenzahl sehen – katastrophal, weil dies den Fachkräftemangel in Deutschland in wenigen Jahren noch deutlich verschärfen wird.2.3 Viele Studierende berichten über erhebliche psychische Probleme: Verlust der Motivation, Verlust der Tagesstruktur. Wir erleben dies sogar in bisher nicht gekannter Form bei denjenigen, die nach dem Studienabschluss ihre erste Stelle in einem Forschungsprojekt antreten wollten – manche tauchen gar nicht mehr auf.Natürlich sind das alles direkte Beobachtungen, von einer systematischen Erfassung kann nicht die Rede sein. Es ist aber sonnenklar, dass die Corona-Maßnahmen den jungen Menschen nicht nur ein Jahr ihrer Jugend stehlen. Sondern insgesamt den Bildungsstand der Gesellschaft verringern. 2019 zeigte eine sehr schöne Studie des Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital in Wien einen signifikanten Zusammenhang zwischen Bildungsstand und Lebensdauer. Es ist damit allerhöchst plausibel, dass die Corona-Maßnahmen unter dem Strich auch in den Industrieländern mehr Lebenszeit von Menschen kosten werden, als es das Virus selbst auch bei ungehinderter Ausbreitung getan hätte.
Pic Kelly Sikkema

Impressionen von der European Radio Show

Short time out @ European radio Show

Artikel veröffentlicht am 31.01.2020 in radioszene.de

Internationale Tendenzen und Innovationen für Medienschaffende

Im Bild: Evelin und Helmut Poppe
Short time out @ European Radio Show

Den Veranstaltern der European Radio Show ist es dieses Jahr wieder gelungen, eine ungemein abwechslungsreiche Messe in Paris auf die Beine zu stellen. Die 3-Tagesveranstaltung, die in einem Kongressprogramm Roundtables, Diskussionen und Präsentationen anbot, verzeichnete nach Veranstalterangaben mehr als 8.000 Besucher vom 23. bis 25. Januar. Diese im Vergleich zu anderen Radioveranstaltungen sehr hohe Anzahl erklärt sich zum einen ganz einfach durch den freien Eintritt für Branchenakteure. So ist es auch Mitarbeitern der ‚dritten Garde‘ aus den Sendern und den umliegenden Branchen finanziell möglich, dem großen Branchentreffen in der historischen Halle de la Villette im Osten Paris beizuwohnen. Gerade diese Radioleute sind es ja schließlich, die wesentliche Innovationen einbringen und umsetzen müssen, und sie kamen zahlreich. Insgesamt gab es von allen Seiten ein großes Lob auch wegen der Vielfalt des Programms und der professionellen Organisation.

Besonders ins Auge fielen Neuigkeiten aus den Bereichen: Personalentwicklung, zur Fragestellung, ob Podcasts dasselbe Phänomen erfahren werden wie Videos auf YouTube, ob und was Frankreich und Deutschlands Radiomacher voneinander lernen können. 
Von der technischen Seite sind besonders drei Neuerungen bei Sender-Aggegratoren und Podcastsoftware zu erwähnen und … was vielleicht besonders zukunftsweisend ist, Innovationen zum Thema Tracking des Hörers, zur Profilbildung und zu der Berücksichtigung der hieraus gewonnenen Daten im Programm. Hier zeichnet sich eine Relevanz für das europäische Medienrecht ab. Eines ist klar, in Frankreich wird fleißig von Seiten des Staates Rundfunk reglementiert, was zur Folge hat, und was auch gleich an dieser Stelle eine Vorwegnahme der insgesamt gewonnen Erkenntnisse darstellt, dass Reglementierungen und hoher Wettbewerbsdruck, wie er in Frankreich viel mehr gegeben ist als in Deutschland … zu kreativen Lösungen führt.

Die deutsche Mediaanalyse MA weist 263 Sender aus, hinzukommen 78 erfasste Webradios. Im Vergleich dazu senden über 1.229 Anbieter in der gallischen Nation. Berechnet man die Netto-Werbeeinahmen auf Basis der Anzahl der Einwohner erhält man eine pro Kopf-Zahl an Werbeinvestitionen Radio von gut 10 € per Jahr in beiden Ländern, was manchen Sendereigner zu einem Stirnrunzeln bewegt, die diese Zahl naturgemäß als viel zu niedrig empfinden.
Einen Hinweis auf einen höheren Erfolg im Werbezeitenverkauf ergeben die auf Basis der gewichteten Einwohnerzahlen ermittelten Umsätze, Frankreich hat eine um 20% kleiner Bevölkerungsanzahl, gewichtet man die Nettowerbeumsätze dort entsprechend, ergeben sich zumindest gleich hohe Einnahmen insgesamt wie in Deutschland (Quelle: bump, Nielsen, VAU.net und ARD). Da das staatliche Radio in Frankreich auf 50 Mio. € Werbeeinnahmen gesetzlich limitiert ist, könnte man anteilsmäßig wie in Deutschland noch einmal etwa 200 Mio. hinzuschlagen. Im Ergebnis könnten die französischen Sender in der Gesamtheit also einiges mehr einnehmen als die hiesigen. Da sich die Reichweiten mit 76% Hörer gestern und in den Verweildauern ziemlich ähneln (Quellen: médiamétrie und MA), scheint linksrheinisch mehr Druck, Kreativität und Erfolg im Verkauf zu diesen höheren Zahlen führen. Diese vergleichenden Aufstellungen sind hier nachlesbar:

Von der Prorammseite fiel auf, dass in unserem Nachbarland stark auf das Format TALK gesetzt wird. Die vier großen nationalen Senderketten France Inter, dieser weiterhin und in Zeiten der Streiks die No.1 und Europe 1, RTL und Sud Radio betreiben nicht nur ein konsequent durchstrukturierte fast ausschließliche Talk-Angebote, sie nutzen auch im hohen Umfang begleitendes Bewegtbild und sehr viele Möglichkeiten für Hörer, um mit den Sendern in Kontakt zu treten. Die beiden in Deutschlands privaten Stationen wenig anzutreffenden Faktoren (da teuer und aufwendig) Reaktivität und Bewegtbild, führen offensichtlich zu hoher Akzeptanz und indirekt zu bedeutenden Werbeeinnahmen.

Programmerfolg und die Faktoren, die hierzu führen, laden zu einer Messung ein. Drei Anbieter stachen bei dieser Aufgabenstellung besonders ins Auge:

ACE misst Call ins und wertet diese Hörerreaktionen aus. Zusätzlich können mit dem gewonnenen Datenbestand bestimmte geplante Themen vorhersehbar gemacht werden nach Anzahl der redebereiten Hörer, deren Historie, Regionalität und Menge. Das Programm wird nach Angaben des Anbieters von führenden Senderketten im Programmalltag genutzt.

Yacast, misst im Auftrag der staatlichen Behörde CSA (diese ist teilweise vergleichbar mit unseren Medienanstalten) mit dem Instrument “Baromètre Radio” begleitend die Reichweiten des Forschungsinstituts Médiamétrie und verfolgt die „strategischen Zielsetzungen“, gemeint sind wohl Senderstrategien, deren Verhalten und Kontrolle. Da bei unseren Nachbarn der Anteil der einheimischen Titel und die Zeit/Wort-Anteile der Politiker eingehalten werden müssen, setzt die CSA ebenfalls auf diesen Dienstleister und eine Anwendung namens “MediaArchiver”.

NEUROMEDIA: Hier geht es (noch?) nicht um die Messung von Gehirnströmen oder gar um deren Beeinflussung sondern um detallierte Messungen des Hörerverhaltens. Diese zukunftsweisenden Anwendungen erlauben nicht nur, mit dem Produkt „CasterStats“ Audio- und Videostreaming zu erfassen und auszuweisen oder mit „TraxFlow“ Musiktitel zu steuern, mit dem dritten Angebot aus dem Portefeuille des belgischen Unternehmens wird – manch einer erinnert sich da noch an die vor zwanzig Jahren aufgekommene Schweizer Uhr, mit der Radionutzungsvorgänge gemessen werden sollten – jetzt hilft das Smartphone hierbei. Wie der Hersteller schreibt, sollen Radio- und TV-Inhalte digital, über UKW oder DABplus verbreitet erfasst und ausgewiesen werden.

Da solche Aufgaben auch zu dem Wirkungsbereich der deutschen Medienanstalten zählen, dürften diese sich bald solche offensichtlich bisher unerkannt gebliebenen neuen Entwicklungen näher anschauen. Bisher verlässt man sich auf Stichproben, die zumeist nicht automatisiert durchgeführt werden durch – wie man hört – Werksstudenten. Im Rahmen eines europäischen Medienrechts und mit der Zielsetzung „gleiches Recht für alle“ ergeben sich spannende Fragestellungen und neue Aufgaben. Diese sollen hier an dieser Stelle aber noch nicht besprochen werden.

Bleibt noch zu erwähnen, dass für den Alltagsbereich relevante Angebote (wieder-) in Paris entdeckt wurden: der von den deutschen Anbietern betriebene Radioplayer kann auch in Frankreich von dortigen Stationen auf Anfrage genutzt werden. Uns gefiel besonders auch der ebenfalls werbefreie Aggregator audials, der was wohl einzigartig ist, Mitschnitte gleich mit dem Handy oder dem PC erlaubt von den tausenden enthaltenen Radio- und Podcastprogrammen. Hier hat das Karlsruher Unternehmen eine ganz exzellente Anwendung geschaffen, die mehr Aufmerksamkeit in der Branche verdient.Wer es spielerisch mag und sich mit Podcasts vergnügen möchte, greife zu lilicast.com. Mit dieser einfach online zu bedienenden und exzellent assistierten Web-App lassen sich Produktionen rasch und optisch gut aufgemacht erstellen. Da griffen wir rasch zu. Die Frage, ob Podcasts die gleiche Erfolgsstory wie YouTube-Videos erfahren werden, wurde natürlich auf der European Radio Show auch gestellt. Syndikatisierungen stellen ein interessantes Modell dar. RTL Radio-Mann Christian Schalt nannte hierzu auch Erlösbeteiligungsmodelle in einer Roundtable am ersten Tag. Da bleibt nur die Frage einer zentralen Audio Landing Page, und diese steht bisher aus.

Roundtable auf der 
Hans Knobloch, Christian Schalt, Caroline Grazé, Vincent Benveniste,
Helmut Poppe bei der European Radio Show 2020
 (Bild: ©RADIOSZENE)
Hansi Knobloch, BR, Christian Schalt, RTL Radio; Caroline Grazé, radioplayer, Vincent Benveniste, DAVID Systemns, Helmut Poppe, Modertor des Roundtables

Wortbeiträge scheinen in Deutschland im Aufwind zu stehen, man beachte hierzu das neue MDR-Format „MDRfragt“ und weit über zehntausend deutschsprachige Podcast-Produktionen. Bei RADIOSZENE wurde auch jüngst über eine entsprechende Entwicklung bei der BBC berichtet. Eher skeptisch und philosophisch sah BR-Mann Hans Knobloch den Zustand des deutschen Radios „Jedes Land bekommt das Radio, das es verdient“. Podjock Gerry (Gérard) aus Liverpool und CEO von Podcast Radio, das Großes vorhat, meint, dass eher die Gesellschaft das Medium prägt. Er stellte jüngst auf LinkedIn sein neues Angebot mit einem real funny gemachten Video vor: „London wide – we cannot wait“.

Jeder sein eigener Künstler – Übersehen wir digitales Wetterleuchten?

Manch einen packt nach einem Besuch der sensationell gut besuchten van Gogh-Ausstellung im Frankfurter Städel die Lust, auch in Bildern zu denken. Wir zeigen, wie er dem nachkommen kann.

Gerade die Senioren greifen im Städel beim Rundgang rasch und anhaltend zum Handy und lichten die Exponate ab, zumindest dort wo es erlaubt ist. Der Museumsbesuch wird bildungsfördernd mit allerlei digitalen Hilfsmitteln wie Audioerläuterungen, Texten und Grafiken unterstützt.

Der Besucher freut sich, in den Kunsthallen auf ein kostenloses Wlan zugreifen zu dürfen. Die Exposition ist mit drei Begriffen zusammengefasst:  kassiert an Werken van Goghs und ihn in Deutschland bekannt gemacht, hat ein Berliner Kunsthändler mit dem naheliegenden Namen Cassirer, eine junge Verwandte tat ihr Übriges. Legenden um das abgeschnittenen Ohr  – hier gab es offensichtlich ein Bemühen, ‚Content’ und ‚Storytelling‘ zu erzeugen, so wie man heute sagen würde, sorgten für eine erhebliche Marktwertsteigerung der Bilder. Dieser van Gogh-Mythos regte viele männliche  Künstler  an, dem Niederländer nachzueifern.

Demjenigen, der  in der dunklen Jahreszeit künstlerische Regungen empfindet, natürlich auch außerhalb, sei eine der vielen Zeichen-Apps empfohlen.  Besonders überzeugt hier Painnt, wohl gemerkt mit zwei  n, das Fotoumwandlungen erzeugt, die verblüffend großen Vorbildern wie Picasso oder van Gogh ähneln. Herunterladbar ist die App in den üblichen ‚Stores‘, auch für Apple und Windows. In unserer Bildergalerie sind das Original und zwei Produktionen dargestellt. In einer Bezahlversion entfällt das Wasserzeichen, die Bilder sind dann hochauflösend auf dem eigenen PC oder Tablet zu speichern.

Das Original, Skyline-Blick, rechts Frankfurter Eiserner Steg

Schlendert man durch das Untergeschoss eines  bekannten Elektronikhandels in der Rhein-Main-Metropole, kann man einem 3-D-Drucker bei der Produktion von kleinen Tannenbäumen zuschauen. Auch diese ‚Halb‘ -digitale Technik  hat mit Kunst zu tun. Die genannte Bildbearbeitungs-Software kombiniert mit einem 3-Dr-Drucker würde entsprechend programmiert auch kräftige oder je nach Wunsch feine Spachtel-und Pinselstriche auf Leinwand erlauben. Damit ist der Weg nicht weit zu mehr oder weniger perfekten Kunstfälschungen und zu gänzlich neuen Werken mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz ohne Zutun der menschlichen Hand. Was den Marktwert solcher Produktionen betrifft, wird aber mit Sicherheit das Original weiterhin den höheren Wert behalten.

Jetzt schon lassen sich Musikkompositionen digital erstellen.  Dieser Artikel wurde – und das sei versichert – nicht mit künstlicher Intelligenz geschrieben. Aber auch dies wird in der Zukunft möglich sein, wenn es nicht bereits, zumindest in Ansätzen, noch nicht der Fall ist. Sehen wir ein Wetterleuchten am digitalen und medialen Horizont?

 

Beitragsbild: David Moum

Machen digitale Medien Schüler wirklich schlauer?

 

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet von einer Metastudie der TU München. Diese bietet „… einen systematischen und differenzierten Überblick über den Stand der Forschung, den sie aus der Analyse von achtzig Einzelstudien seit dem Jahr 2000 gewonnen habe. Weil man eine Vielzahl von Studien berücksichtige, könne man zuverlässige Aussagen über die Wirksamkeit des Lernens mit digitalen Medien treffen…“

Nun denn, trug man früher viele Bücher heran, um eine Studie oder eine Prüfungsarbeit zu erstellen, geht man nun ins Internet und holt sich dort seine Daten. Das Ganze nennt sich dann „Meta“. Nur…, die Grundlage ist mau: Mit Sicherheit bietet keine der herangezogegen Teilstudien eine verlässliche und repräsentative Datenbasis. Leider verweist die Pädagogik viel zu häufig bei Wirkungsstudien auf Datensätze mit unter 30 Probanden und – was schlimmer als fehlende Repräsentanz ist – zieht sie keine zeitgemäßen Messtechnologien heran.

Big Data ist gerade im Zusammenhang mit eHealth zu einem Schreckthema geworden. Bei Lernen muss es allerdings doch faszinierend sein, herauszufinden, welche Menschen und Lerntypen auf verschiedene Lernarrangements reagieren. Wo wirkt was in welcher Phase des Lernens: Koginitivieren, Üben, Transfer, Behalten? An Technologien bieten sich hierfür neben Trackingverfahren bekannt aus der digitalen Konsumgüter-forschung Blickverfolgungsmethoden an oder aber auch betriebswirtschaftliche Langzeitmessungen  (ROI). Entsprechende Instrumente wurden in einer Studie bereits vor einigen Jahren vorgestellt Hanke/Poppe, Hightext. Hier wurden – arbeitsrechtlich abgesegnet – Abbrecherquoten in speziellen Phasen von Lernarrangements ermittelt, anonymisierte Lernprofile erstellt, Angaben zu Demographie, Zugriffsorten, -tagen, Dauer der Zugriffe und Wanderpunkte bei Lernhürden ermittelt. Die Messtechnologien stammten hauptsächlich aus der Kosumgüterforschung.)

Die Crux bei eLearning stellt neben einem enorm breiten Feld an Angeboten (welcher Forscher und Lehrer kennt sich in der breiten Palette von Sprachen-, Naturwissenenschafts-, musischen, Sport- und anderen digital aufbereiteten Lernangeboten aus?) eine fehlende Interdisziplinarität  zu der Pädagogik und zu anderen Forschungsfeldern dar. Gemeint sind hiermit betriebs-wirtschaftliche Aspekte, Apparatgestützte und digitale Wirkungsmesstechnologien, Darstellungen von virtuellen Welten.

Welcher Desk Researcher kennt die speziellen Anforderungen beispielsweise im Sprachenunterricht und die dort gelieferten Lösungen? Gerade hier werden im Schulunterricht alles andere als interaktive multimediale Lernmodule von den Verlagen geboten. Zum Einsatz kommen  PDF-Versionen des Schulbuchs.  Versteht der Forschende die Einsatzmöglichkeiten beispielsweise von Videotechnologien im Sportunterricht und kann er nachvollziehen, ob und in welchem Umfang ein Fosbury-Flop besser ausgeführt wird mit solchen Verfahren? Kennt er sich mit Immersions-verfahren aus bei dem Nachvollzug der Wirkung von Atomen und Molekülen im naturwissenschaftlichen Unterricht? Schulunterricht wird in über 30 Fächern und in  den vier Phasen des Lernens organisiert. Das Thema ist schlichtweg zu mächtig, um es vom universitären Schreibtisch zu enträtseln.

Gerade die 3-D-Spielwelt bietet ernome Chancen in der Darstellung von komplexen Sachverhalten. Nur fragen Sie einmal einen Digitalspielehersteller, wohin er seine Kinder schickt. Es wird nicht die Steve-Jobs-Schule von Maurice de Hondt (sein spätes Vaterglück als Einsatzmotivator?) sein, eher die Waldorfschule in der Nähe oder das beste Gymnasium vor Ort. Die innovative Berufswelt sieht keine Anknüpfungspunkte mit Pädagogik-forschern (und leider auch umgekehrt).

Wenn die vorgelegte Studie von einer erheblichen Motivation der Lernenden durch den Einsatz von eLearning und neuen Medien spricht und davon, dass Gesprochenes anderes Gelerntes verstärkt, sind solche Ergebnisse banal. Entscheidend wird angesichts des digitalen Wandels in der Berufswelt zukünftig sein, sich rasch und in ganz speziellen Anwendungsbereichen neues Wissen anzueignen. Schon aus diesem Grund ist der Einsatz in Schulen von eLearning enorm wichtig. Ob und in welchem Umfang KI das alles überflüssig macht, ist Spekulation und wird wohl auch nicht zutreffen. Der Mensch wird immer gebraucht werden.

Wer also mehr in das Faszinosum „Lernen“ hereinschauen möchte, sollte sich intensiv mit den drei Aspekten: Messen, Darstellungen und Interdisziplinariät beschäftigen. Hier wird mit Sicherheit in den nächsten zehn-zwanzig Jahren Neues entstehen. Gerade auch im Bereich Mathematik – und in diesem Zusammenhang sei wieder an 3-D-Welten erinnert. Zahlenlogik lässt sich dort spannend darstellen. Bemerkenswerterweise hat sich die genannte Studie  ausschließlich mit diesem Fach beschäftigt und das nur in weiterführenden Schulen.

Zurück zu den ziemlich uninteressierten Machern in den virtuellen 3-D-Spielelaboren: Unrecht haben diese  mit der Wahl herkömmlich-klassicher Schul- und Unterrichtsformen nicht. Miteinanderlernen, Motivationsaufbau und der Kontakt zu den Unterrichtenden sind weiterhin unerlässlich.

Zur Studie:

https://www.ma.edu.tum.de/en/members/prof-reiss/publikationen/

Beiträge in wissenschaftlichen Büchern und Zeitschriften

Hillmayr, D., Reinhold, F., Ziernwald, L., Reiss, K. (2017). Digitale Medien im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht der Sekundarstufe. Einsatzmöglichkeiten, Umsetzung und Wirksamkeit. Münster: Waxmann.