Radio heute: Zwischen Stabilität, Identität und dem Kampf um junge Zielgruppen

Die neue Techsurvey 2025 von Jacobs Media – mit über 24.000 Befragten aus den USA und Kanada – liefert ein präzises Bild davon, wie sich Radio im digitalen Medienökosystem behauptet. Zwei Sätze aus der Studie bringen die Lage auf den Punkt:

 „Broadcast radio is treading water.“  

 „Being local is a perceived asset and not just a slogan.“ 

Radio hält sich – aber es schwimmt nicht nach vorne. Die Zukunft entscheidet sich daran, ob Sender lokale Relevanz, digitale Anschlussfähigkeit und personelle Bindung gleichzeitig liefern können.

Die Zukunft des Radios: Drei strategische Felder

A. Lokale Identität als Kernvorteil

Seit COVID ist die Bedeutung von Lokalität gestiegen. 54 % der Hörer sagen, dass die lokale Verankerung ein Hauptvorteil von Radio ist.  

 „One of radio’s primary advantages is its local feel.“ 

In Deutschland ist dieser Vorteil traditionell stärker ausgeprägt als in den USA – durch regionale Senderstrukturen, Landesmedienanstalten und eine historisch gewachsene Lokalradio-Kultur.  

US-Radio dagegen ist stärker formatgetrieben, national syndiziert und weniger lokal personalisiert.

B. Persönlichkeiten statt Playlists

Der wichtigste Befund der Studie: Zum siebten Mal in Folge sind Hosts wichtiger als Musik.  

61 % hören Radio wegen bestimmter Persönlichkeiten – nur 56 % wegen Lieblingsmusik.  

 „Personalities overshadow music as a main driver of broadcast radio listening.“ 

“Persönlichkeiten übertreffen die Musik in ihrer Attraktivität noch immer, aber es bleibt ein knappes Rennen.

Persönlichkeiten übertreffen die Musik in ihrer Attraktivität noch immer, aber es bleibt ein knappes Rennen.

Für Deutschland bedeutet das:  

– Moderatoren müssen sichtbarer, nahbarer, eventpräsent und digital erlebbar werden.  

– Personality ist der einzige USP, den Spotify, Apple Music und TikTok nicht kopieren können.

C. Mobile, Short Video & Podcasts – die neuen Kontaktpunkte

Die Studie zeigt klar:  

– Mobile ist das „connective tissue“ aller Mediennutzung.  

– 42 % schauen täglich Short Videos.  

– 35 % hören wöchentlich Podcasts – bei Gen Z und Millennials fast 50 %.  

 „Podcasting reaches an all-new high in weekly listenership.“ 

Für deutsche Sender heißt das:  

– Inhalte müssen mobil-first gedacht werden.  

– Short Videos sind Pflicht – nicht Kür.  

– Podcasts sind nicht „Bonus“, sondern strategische Verlängerung der Marke.

2. Wie junge Zielgruppen gehalten und gewonnen werden können

1. Persönlichkeiten als Community-Building

Junge Hörer wollen Menschen, nicht nur Musik.  

64 % der Gen Z wollen Hosts sogar persönlich treffen.  

Sender müssen:  

– Hosts als Creator-Persönlichkeiten positionieren  

– Events, Meetups, Live-Podcasts anbieten  

– Social-first-Kommunikation nutzen (Instagram, TikTok, YouTube Shorts)

2. Short Video als täglicher Touchpoint

42 % schauen täglich kurze Videos – bei Gen Z sogar 58 %.  

Das bedeutet:  

– Radiomarken müssen visuell stattfinden  

– Studio-Momente, Mini-Interviews, Challenges, News-Snippets  

– „Radio zum Anschauen“ – nicht als TV, sondern als Social-Video

3. Podcasts als Verlängerung der Personality

Wöchentliche Podcastnutzung:  

– Gen Z: 49 %  

– Millennials: 49 %  

– Gesamt: 35 %

Sender sollten:  

– Hosts eigene Podcast-Formate geben  

– „Aftershow“-Formate entwickeln  

– Video-Podcasts auf YouTube anbieten (32 % der Podcastfans schauen Video)

4. Mobile Apps als zentrale Plattform

41 % haben die App ihres P1-Senders installiert.  

Die wichtigste Funktion: Livestream (39 %).  

Aber: Push-Notifications, On-Demand, Gewinnspiele und lokale Alerts sind unterschätzte Bindungsinstrumente.

5. Lokale Services statt nur Musik

Junge Zielgruppen erwarten:  

– Echtzeit-Wetter  

– Breaking News  

– Verkehr  

– Community-Events  

– Hyperlokale Informationen

Die Studie zeigt:  

Emergency weather info, breaking news alerts and traffic alerts rank among the most desired dashboard features. 

3. Unterschiede zwischen Radiohörgewohnheiten in USA und Deutschland

USA

– Stärker formatgetrieben (CHR, Country, Classic Rock etc.)  

– Hohe Bedeutung von Syndication  

– Größerer Wettbewerb durch SiriusXM, Podcasts, Connected Cars  

– Höhere Mobilität, längere Pendelzeiten  

– Radio als „Companion Medium“ im Auto

Deutschland

– Stärkere regionale Identität  

– Öffentlich-rechtliche Sender mit Informationsauftrag  

– Weniger Konkurrenz durch Satellitenradio  

– Höhere Bedeutung von Nachrichten, Service, Regionalität  

– Auto bleibt wichtig, aber Connected Cars verbreiten sich langsamer

Fazit:  

Deutschland hat strukturelle Vorteile – aber die Jugendkommunikation ist in den USA deutlich aggressiver und digitaler. Deutsche Sender müssen hier aufholen.

Die drei wichtigsten Charts der Techsurvey 2025

1. „10 Key Takeaways“

Das strategische Gesamtbild: Alterung, Personality, Lokalität, digitale Fragmentierung, Podcastwachstum.

2. „Personalities vs. Music“

Der zentrale Treiber der Zukunft: Menschen statt Musik.

3. „Media Pyramid 2025“

Die Medienhierarchie zeigt:  

Smartphone (94 %) → Social Media (83 %) → Streaming Video (78 %) → AM/FM Radio (88 %).  

Radio bleibt stark – aber nur, wenn es sich in dieses Ökosystem einbettet.

Für das Radio geht es darum, das Publikum dort abzuholen, wo es ist,
Inhalte auf den relevanten Geräten bereitzustellen UND Prioritäten zu setzen.

Worum es für Radio in der Zukunft geht

Radio gewinnt, wenn es:

– lokal relevant bleibt  

– persönlich statt austauschbar ist  

– mobil-first denkt  

– visuell kommuniziert  

– Podcasts als strategische Verlängerung nutzt  

– Hosts als Marken etabliert  

– Short Video als täglichen Kontaktpunkt nutzt  

– Community statt Reichweite baut  

Radio verliert, wenn es:  

– nur Musik spielt  

– nicht sichtbar ist  

– keine Personality hat  

– digital nicht stattfindet  

– lokale Identität vernachlässigt  

Strategische Implikationen

1. Zielgruppen überlappend denken

  • Boomer (ca. 60+) und Gen X (ca. 40–55) haben oft ähnliche Interessen:
    • Nostalgie (80er/90er)
    • Qualität, Tiefe statt nur Kurz-Content
    • Informations- und Unterhaltungsformate mit Substanz
      Strategie: Formate nicht strikt trennen, sondern bewusst überlappen lassen

2. Modernisierung klassischer Formate

Boomer-orientierte Formate sind oft:

  • langsamer erzählt
  • klassisch produziert
  • linear gedacht (TV)

Für Gen X interessant werden sie, wenn man:

  • Tempo leicht erhöht
  • Storytelling moderner gestaltet
  • digitale Plattformen einbindet (Streaming, Podcasts, YouTube)

3. Nostalgie gezielt nutzen (aber neu verpacken)

Gen X reagiert stark auf:

  • Retro-Themen (Musik, Serien, Marken)
  • „Wiederentdeckte“ Inhalte aus ihrer Jugend

Strategie:

  • Reboots, Dokumentationen, Throwback-Formate
  • aber mit zeitgemäßer Perspektive und Tonalität

4. Themen verschieben

Boomer-Formate behandeln oft:

  • Ruhestand, Gesundheit, Tradition

Für Gen X relevanter:

  • Karriere-Umbrüche
  • Work-Life-Balance
  • Familie + alternde Eltern
    Strategie: Gleiche Formate, aber andere Blickwinkel

5. Ton und Haltung anpassen

  • Boomer: oft konservativer Ton
  • Gen X: eher pragmatisch, leicht ironisch, skeptisch

Strategie:

  • weniger „belehrend“
  • mehr Augenhöhe, Humor, Selbstreflexion

Kurz gesagt:

Die Chance liegt nicht darin, völlig neue Formate zu erfinden — sondern bestehende „Boomer-Formate“ so zu modernisieren, dass sie auch Gen X ansprechen.

Das bedeutet:

  • Inhalte verbreitern
  • Tonalität anpassen
  • Distribution modernisieren

Die drei wichtigsten Charts der Studie sind:  

1. „10 Key Takeaways“ – das strategische Gesamtbild.  

2. „Personalities vs. Music“ – Persönlichkeiten sind seit 7 Jahren der stärkste Treiber.  

3. „Media Pyramid 2025“ – zeigt die tatsächliche Medienhierarchie und die Rolle von Radio im digitalen Alltag.

Die Studie findet man hier

Jacobsmedia

Techsurvey 2026: On-Air Personalities Matter